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Schwindliges Jetzt - Neue Gedichte von Eva Christina Zeller

SWR2 Forum Buch Vom 19.06.2016 (17:05 – 18:00 Uhr)

 

Eva Christine Zeller bei SWR2 »Am Samstagnachmittag" im Gespräch (4. Juli 2016)

Reinhold Hermanns stellt Eva Christine Zellers jüngsten Gedichtband »Auf Wasser schreiben« in der SWR2-Sendung »Am Samstagnachmittag" als einen poetischer Nachgang ihrer Erkundungen in Venedig vor. Die Tübinger Autorin, so erklärt sie im Gespräch, entziffert die Lichtreflexe und Spiegelungen als eigene Sprache.

 

 

Interview über den neuen Gedichtband „Auf Wasser schreiben“

Pressespiegel zum Gedichtband

 

 

Termine Lesungen

22. November 2016, 20 Uhr, Hölderlingesellschaft, Bursagasse 6, Tübingen

 

 

N-O-X-I-A-N-A Nr. 35

(Nachtgangnotizen)

Zeitschrift für Literatur und Zeichnung

© Matthias Ulrich, Neckarkanalstr. 110, D-71686 Remseck, murem@gmx.de


Wasserschrift Toderlebtes

Über Eva Christina Zellers Gedichtband 'Auf Wasser schreiben'


Eva Christina Zellers Gedichte haben eine starke Kraft. Da ist nichts Erklügeltes oder Gesuchtes dabei, gleichwohl sind sie auf der Höhe der Zeit und das stärkste Element ihrer dichterischen Sprache ist die Intensität, mit der sie zu sprechen vermag. Ihr Gedichtband 'Auf Wasser schreiben', (Klöpfer und Meyer, Tübingen 2016) setzt ein mit einunddreißig Gedichten auf die Wahrnehmungswelt Venedigs. Wobei es schwierig ist bei Venedig-Gedichten ohne die bis zum Überdruss vorgeführten Bilder auszukommen. Aber Eva Christina Zeller tappt nicht in die Venedig-Falle, weil hinter ihren Worten Hingabe spürbar ist, Leidenschaft: '...eine Leuchtspur wirft sich auf/kreise...das flache wasser/könntest du durchschreiten/und plötzlich stehst du/stehst du im licht...' Venedigs Licht verwandelt sie.

Neugier und Genauigkeit, Reiselust und Entdeckungsfreude sind die Tugenden dieser Dichterin. Sehr schön etwa in 'very likely', wo sie das Grab von Granuaille O'Mailley besucht, einer Piratin, deren Furchtlosigkeit und Kühnheit sie aus den Liedern der schottischen Inseln kennt. '...dass die piratin eine besondere frau war/ließ das tau ihres bootes auch im schlaf nicht los' und wie die Dichterin in der balladenhaft erzählten Geschichte das Tau zum sprachlich 'roten Faden', macht, zeigt, dass sie der männlichen Kraft die Frau wie selbstverständlich dazu gesellt und sich fragt, wie sie das gemacht hat. Mut, Kühnheit, Kinderkriegen. Piratin, nicht Pirat, ein Frauenbild für die Dichterin.

Ihre Gedichte haben einen klanglich-rhythmischen Sinn, Alliterationen, Binnenreime, rhythmische Setzungen, Sinnreime, Inversionen. Das Repertoire ihrer Dichtung ist weit und offen, die Verse wechseln zwischen Metaphern, Sentenzen und romantischen Wunsch-und Möglichkeitsformen ab. Das Wortmusikalische dieser Gedichte bleibt im Gedächtnis. 'Clughmore hafen' //das alte haus aus stein/auf dem fenstersims/blühen rosa geranien//ungehindert fällt der regen/ins haus ohne dach/so bleibst du verwundbar.' Im Zyklus 'ich bin solidarisch' grüßt sie ihren Dichterkollegen Walle Sayer, wenn es heißt: 'ich bin solidarisch/mit dem flüchtigen dem flatterhaften glück/mit der stille der aussterbenden sprachen/mit der hoffnung auf bedingungslosigkeit/und grundeinkommen/dass die worte wohlgesonnen und dringlich herbeifliegen...'(solidarisch)...'mit der amsel in ihrem tschador/auf dem baum im winter'.

Sehr persönlich werden die Gedichte aus dem Zyklus 'heim@tland', etwa in 'es scheint mir manchmal' //wenn ich müde bin/dass meine mutter durch die räume geht/und sieht/den rührlöffel und ihr handtuch/während sie durchsichtig und/nicht zu fassen...' oder in 'time to get positive about mortality' sagt die sterbende Mutter '...machts klai sagte sie am ende/als sie ganz klein war'.

Wunderbar ist auch, dass die Dichterin den Irrtum rehabilitiert. Irrtum - das bedeutet bei ihr nichts Abwertendes, eher stellen die Gedichte die Frage nach unserer Wahrheitsgläubigkeit und unserer Angst vor den Irrtümern. 'der irrtum der schönheit//die lerchen steigen/schönheit ist auch ein irrtum//eine irrfahrt des auges/du kehrst zurück in einen neuen hafen//wollte odysseus wirklich nach hause?/vergaßt du wohin du gehörst?// es könnte der zwischenraum sein/so eng dass du dich wohlfühlst.//

Eva Christina Zeller spannt in ihren lyrischen Texten alle existenziellen Themen zu einem großer Bogen zusammen und macht sie zur Dichtung der Menschenseele.


Lesung: Eva Christina Zeller "Auf Wasser schreiben"

"Auf Wasser schreiben ..." Der neueste Gedichtband von Eva Christiane Zeller nimmt alte Themen auf und setzt sie fort. Wir kennen schon gut das Thema der Vergänglichkeit, des Sterbens, des Todes, wir kennen das Thema der Mutter oder der Mütter, wir kennen das Thema der Reisen, der fremden Orte, in denen Identität neu befragt werden kann, ja wir kennen auch – wenn auch weniger deutlich – das Thema des Sehens und Wahrnehmens. Und doch scheint mir der neue Gedichtband von Eva Christiane Zeller anders, überraschend anders als die Bände zuvor. Und ich habe mich selber gefragt, woran das liegt. Was ist anders?
Die Form der Gedichte? Nein, wir erkennen die Handschrift wieder: Eva Christina Zellers Form bleibt locker, manchmal nah an der Prosa – und doch diszipliniert etwa in konsequenten Zweizeilern, in der Anspielung auf die Sonettform oder in Reihen, in denen die Zeilenzahl der Gedichte, die zu einem Zyklus dazugehören, konstant anwächst. Sind die Gedichte nun bilderreicher oder abstrakter? Nein, auch das ist es nicht .... Der typische "Sound" aus ganz konkreten Bildern und dann abstrakten Wendungen, die einen ganz woanders hinführen, hinlocken, hinschleudern, ist auch hier anzutreffen, wenngleich in ihrem neuesten Band vielleicht noch etwas mehr ....
Was ist anders? Ich denke, das, was ich hier neu sehe, ist die Zentrierung aller Gedichte um eine Frage, die eine ganz entscheidende Frage ist: Wie komme ich in die "vierte Dimension" ("der euklidische raum und die raumzeit")? Also in eine Dimension, die nicht einfach durch Höhe mal Breite mal Tiefe zu vermessen ist, sondern die sich als Himmel oder Bodenlosigkeit, als beides zugleich, als Raum der Verwunderung, als Qualität einer Intensität hinter und in dem Alltäglichen auftut; eine Dimension, von der wir wissen, dass es die eigentliche Dimension des Erfahrens ist, eine Dimension irgendwie zwischen den vermessbaren Zeiten und Räumen; eine Dimension, die mit der ästhetischen Erfahrung zu tun hat, mit Schönheit und dem Schrecken, der der Schönheit innewohnt, sofern sie kein "Irrtum" ("der irrtum der schönheit") ist; eine Dimension, die wir alle kennen, die wir als kostbar erachten und die uns doch fremd ist.
Eva Christina Zeller hat ihre Themen und Fragen fortgeführt, indem sie sie auf dieses eine Zentrum hin ausgerichtet hat: Wie komme ich in die "vierte Dimension"? Und was ist dies überhaupt? In dieser klaren Ausrichtung steckt eine Radikalisierung, eine Unbedingtheit, die die Gedichte, so meine ich, trotz ihrer Verschiedenheit ungeheuer stringent zusammenbindet. So geht es immer wieder um die Frage: Was nehme ich wahr? Wie muss ich wahrnehmen, um in diese vierte Dimension zu gelangen? Um die Frage: Wie gelangt man ,zwischen' die Räume und Zeiten? Oder wie gelangen vergangene Zeiten und Räume in mich? Und um die Frage: Wie kann das Schreiben diese vierte Dimension einholen. Und warum ist die Schönheit, auch die erschriebene Schönheit, die "Tochter" der "Vergänglichkeit" ("schönheit ist keine Tochter der angst")?
Die Gedichte machen es einem dabei nicht immer leicht, oft meint man, den Faden zu verlieren: Bildpunkte, die auftauchen, die verschwinden, die sich in kaum erklärten Übergängen als ambig erweisen: "In Lichtschrift hüpfen Zeilen"... Sind nun damit die zeilenartigen Wellen von Venedigs Kanälen im Licht der Mittagssonne gemeint oder die Schrift auf dem Papier der Autorin? Oder was haben Dieselboote mit dem Fang der eigenen Netzhaut zu tun? Eva Christianes Zellers Gedichte "mäandern" zwischen Bildfeldern, zwischen Wahrnehmungsebenen, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Toten und Lebenden, zwischen drinnen und draußen, zwischen Poesie und Analytik, zwischen Antworten und Fragen, sie mäandern mal quicklebendig, mal unberechenbar, mal leise-tastend, aber immer um die eine Frage: Was passiert im Erfahren und Aussprechen von Schönheit, die in die gesuchte Dimension führt und doch dem Trugbild so nah ist? Was passiert dabei mit uns selbst?
Annette Gerok-Reiter