eva christina zeller
arbeiten—bis alles geklärt ist
arbeit? seit ich denken kann, das leben ist doch kein vergnügen, das sag ich ihnen, mein erster job war mein bester, ich fuhr kränze in die leichenhalle, um den hals gelegt, alles auf meinem fahrrad. sprach mit den toten, den blumen, den straßen. ich kannte alle straßen vom stadtplan her, alles was ich weiß, weiß ich von dort. die toten waren klein auf weißen kissen, mit spitzen wie bei einer taufe, manchmal kam mir ihr gesicht schon in der tür entgegen, hatte sich gelöst und schwebte im raum oder das gesicht war schon lange verschwunden, hatte sich zurückgezogen auf den boden der kiste oder in den schwülriechenden buchsbäumen versteckt.
tour de france kommt, sagte ich immer am eingang, damit die aufgebahrten nicht erschreckten, hier kommt eurer siegerkranz, ihr habt gewonnen und manchmal lächelte einer, aber die meisten schwiegen kalt, mein kranz war ihnen egal, ich legte ihn immer an den stufen ab, den stufen hinauf in den aufbahrungsraum. einfach zu spät, siegerkränze muß man zu lebzeiten bekommen.
also mit dem fahrrad zum friedhof, den kranz um den hals, der job hieß fleuropmädchen, die toten alle alt in weißen kissen, wie steckkissen und warum ist der säugling in seinem steckkissen plötzlich so alt, fragte sich das 12-jährige kind, das plötzlich kein kind mehr war?
arbeit? später wollte ich meinen körper verkaufen, das sag ich ihnen nicht gern, weil ich dachte, während die männer eine mark durch den schlitz stecken, um zu kucken, währenddessen kann ich schreiben, ich wollte immer schreiben, aber die betreiber der peepshow sagten mir, dass ich kein notizbuch und keinen stift in die kabine mitnehmen dürfe, das sei nicht sexy, gedichte schreiben sei nicht sexy und dann saß ich bald wieder an der frischen luft.
als nächstes schrieb ich texte über die einspeichelungsmethode für ein biermuseum und später machte ich interviews mit menschen, über das, was sie wirklich bewegt, sie verändern sich, wenn du ihnen ein mikro unter die nase hältst, manche erzählen dir so, als würdest du sie auf dem sterbebett besuchen, aber mein redakteur sagte, dieses existentielle zeug könne man nicht senden, das zieht runter. wo bleibt da die leichtigkeit?
mein bester job war mein erster job, die toten beschwerten sie nie, später schrieb ich liebesbriefe für einen sehr dicken mann, der schweißige hände hatte und gerne ein freundin gehabt hätte, die frauen verliebten sich in seine briefe, aber wenn sie ihn dann sahen, dann konnte er ihnen die hand nicht geben und so verlor ich meinen job.
dann habe ich mich als aktmodell beworben, die anderen zeichneten meinen bauch, damals hatte ich noch keinen bauch, aber die bilder, die entstanden, waren nicht schön, meine beine waren zu dick, ich hatte gedacht, sie könnten mich schön machen, also gab ich diesen job wieder auf, ich musste doch gedichte schreiben, dabei konnte man nackt sein, aber doch die beine dünn lassen, ich hatte alles unter kontrolle, nur dass die gedichte sich immer mit der musik zusammentaten und dann ihr eigenes lied anstimmten, hätte ich damit geld verdient, wäre es beinahe im schlaf gewesen.
meine alten toten in den steckkissen sagten mir, das könne mir doch egal sein, bevor sie wieder auferstehen würden, würde ich auch mit dem geld verdienen können, was mir arbeit macht. man darf übrigens heute als kind nicht mehr zu den toten gehen, da gibt es ein gesetz, sie könnten ja zu dichtern werden und von denen gibt es schon zu viele in unserer kleinen stadt.
ein mann rief mich an, er sei schriftsteller und ich solle, müsse, seinen roman lesen und lektorieren. wir trafen uns in einem cafe. sah ganz normal aus, so wie schriftsteller manchmal aussehen, unauffällig, gescheitelt, arm, und die aktentasche schon in der dritten generation. er lud mich zu sich nach hause ein, das manuskript wäre so umfangreich, er hätte es nicht ins café mitbringen mögen. in seiner diele war eine große sprossenwand, darunter stand eine zweite alte schweinslederne aktentasche und aus der holte er keine blätter, nein, sondern stricke. gute, lange, haltbare stricke. sein roman sei ein ganz neuer, interaktiver roman und meine rolle sei es, ihn an der sprossenwand zu fesseln, so wie jesus, mit ausgebreiteten armen. er hatte sich ausgezogen und ich musste ihm noch einen lendenschurz umbinden, aus einem blauweißgestreiften küchenhandtuch. ich weiß nicht, warum ich es tat, aber ich war schon teil seines romans, ich hatte schon begonnen zu lesen und konnte nicht aufhören. die stricke waren erst hart in meinen händen, aber mit der zeit kam die übung. jetzt hing er da, wie das leiden christi, ein moderner märtyrer, oder doch nicht? plötzlich regte sich sein glied und er sprach. er sprach wie um sein leben, er war nackt und bloß. er tat mir leid, aber ich wollte mir meine hände nicht schmutzig machen, ich wollte nur noch ganz schnell weg. ich rannte die treppe hinunter, er schrie mir hinterher, ich solle die stricke lösen, auf der straße hörte ich ihn noch immer schreien, es klang jämmerlich und ich ging wirklich wieder zurück, langsam, und band ihn los. er hatte schon einen weißen umschlag vorbereitet mit geld, den ich liegen ließ. wofür kann man geld nehmen? und
was ist arbeit? es ist als frage man dich, was ist leben, das atmen ist doch schon arbeit und wenn man es bedenkt, dann ist ein gedicht darüber zu schreiben weniger arbeit, als dieses leben zu leben, was doch viel arbeit ist, weil man ihm nicht entkommt, aber schreiben ist entkommen, aus der zeit und in die ewigkeit hinein, umarmung, abraham und so, und die toten in ihren steckkissen lachen und freuen sich über die tour de france fahrerin, die ihnen einen kranz bringt, den ersten siegerkranz im leben, sie haben es geschafft, hinter sich gebracht, ich höre sie lachen, die ewigen jagdgründe, dort fliegen einem die gebratenen tauben in den mund, aber wer will schon tübinger platanenalleetauben, und dazu noch gebratene, essen? da bleibe ich lieber am leben und suche eine arbeit, einen reichen mann mit schweißigen händen und dick darf er sein und ich schreibe ihm auch liebesbriefe, er soll sich nur melden.
ich habe immer dem geld gesagt, dass es zu mir kommen soll, es ist wie das fliegen im traum, man darf nur nicht aufwachen, dann stürzt man ab, ich erzähle es euch jetzt, ich bin nicht wach, ich träume dieses leben, ich habe vor langer zeit angefangen so zu tun und ich fahre gut damit, im traum fahre ich viel sicherer auto, wäre ich wach, hätte ich mich schon längst tot gefahren, aber die alten säuglinge in ihren steckkissen sagen, sie warten noch auf lorbeerkränze und auf solche solche mit sonnenblumen, aber die friedhofsgärtner bestehen auf astern und crysanthemen. sonnenblumen wären zu schön und würden die toten am leben festhalten, was gibt es schöneres als sonnenblumen? und dann verwenden sie wieder ihre muffigen astern und schmutzigweißen spinnen und stecken alles in diese grünen, feuchten plastikschwämme, die so kalt sind wie die hände der toten.
ich habe keine arbeit. ich suche nach ihr, im traum laufe ich ihr hinterher wie der hund der nach der wurst schnüffelt, die schon längst gegessen ist, im traum ist das gehen schon arbeit, weil man immer gegen den wind läuft oder wände, aufwachen ist arbeit, weil man nicht weiß, wo man ist, in welchem leben und was man hier nun wieder anfangen soll. kränze ausfahren und den bettlern geld in die hand legen, geld, das vom himmel fällt in ein hemd, das zu kurz ist und das mitten im schnee. dass die sterne herunterfallen, so sollte es mit dem geld auch geschehen, es sollte einfach aus dem himmel fallen, damit die leute nicht mehr darüber reden, da lass ich mir doch gerne unter das hemd gucken, was soll der geiz, dort oben fallen die sterne vom himmel und unten wird gepeept. also ihr steckkissen toten, ich bringe euch den siegerkranz und das gold, das vom himmel fällt, damit es euch nicht erschlägt.
dieser unterschied zwischen haben und sein: die, die arbeit haben, müssen meist nicht mehr arbeiten, und die, die viel arbeiten, haben meist keine arbeit. die arbeit meidet das geld, wenn wir mal von dieser arbeit sprechen, die das leben lebensschön machen soll, aber eigentlich nur das leben verlassen will, denn das schreiben ist bekanntlich nicht das leben und das leben oft mühsam, aber diese arbeit mit mir zu leben hat mir immer noch keiner abgenommen, neulich habe ich eine anzeige aufgesetzt, wer will mit mir leben, nein, wer will für mich leben, nein, wer will mir ein bisschen was abnehmen von diesem ich sein müssen, aber keiner hat geantwortet, keiner.
die jobagentur hat gesagt, diese ich-ag, das wär was für leute, die ich sagen können und sich mögen, in der literatur soll man gar nicht ich sagen, sehr fragwürdig dieses ich, das lyrische ich, neulich hat so ein shooting star, englisch muß es sein, der shooting star am lyrikerhimmel hat gesagt, er wolle das lyrische ich abschaffen, er hat nicht gesagt, dass er sein eigenes ich abschaffen will, das will nur ich, eine ich-ag haben sie mir angeboten, aber ich habe gesagt, schon meine mutter hat gesagt und meine schwägerin und mein bruder und mein freund und alle haben gesagt, kind, dein ego ist zu groß, haben sie gesagt, also keine ichag, was würde da meine mutter sagen, ihr war es peinlich, wenn mein name in der zeitung stand, eine frau hat kein ich oder nur unter dem scheffel, aber doch kein ich in der zeitung, also mein ich soll klein sein, herz ist klein, ich ist klein und rein und keine ag, wofür steht das aktiengesellschaft, aktionsgruppe, arbeitsgemeinschaft? ich ist ein anderer, das wusste schon, ach, sie wissen schon, ich ist peinlich, sagt meine mutter, du bist peinlich, sagt meine tochter, am besten gar kein personalpronomen. ich arbeite ohne personalpronomen, ohne geld, ohne ich, ganz nackt.
die, die mir eine ich-ag angeboten haben, haben gesagt, ich soll mein ich arbeiten lassen, das tue ich doch schon immer, hab ich gesagt, aber niemand will mir geld dafür geben, doch wir ihre agentur, haben sie gesagt, dann hab ich gesagt, mach ich einen laden auf für gedichte, liebesbriefe und leichenreden, aber sie haben gesagt, in einer stadt wie tübingen geht das nicht, lieber second hand klamotten, ich hab gesagt, o.k. second hand texte, ich schreib einen text, den garantiert schon ein anderer vor mir verfasst hat, aber sie wollten dann nicht so recht, zuviel ich, sagten sie, sei auch nicht gut. also wissen sie, was die von mir wollte? geld wollte die, sie hat gesagt, wenn sie nicht machen, was wir ihnen vorschlagen, das mit dem ich, dann müsste ich ihnen geld zurückzahlen, das ich gar nicht habe.
als aktmodell waren meine beine zu dick und ich wollte doch nur diese schönheit, um ein bißchen raus zu kommen aus diesem ich, zack und fliegen wie im traum, und in der schönheit, geht es ihnen auch so? da kommt dann plötzlich diese trauer der welt, die über den brennesseln anfängt, sagt günther eich, dessen texte würde ich auf jeden fall secondhand verkaufen, wie brot, der second hand bäcker ist übrigens der beste laden in dieser stadt, also, die trauer der welt fängt über den brennesselns an, haben sie schon einmal ein feld mit brennesseln gesehen? darüber liegt immer dieser staub oder spinnweben, da kann man die trauer greifen, wenn man denn keine angst vor dem schmerz hätte, haben sie, habe ich mir doch gedacht, also, ich bin nackt und ziehe nur auf der bühne mein sterntalerhemd drüber, um die sterne aufzufangen, und dann dürfen sie auch drunterkucken, aber nur wenn es geld regnet. und in der peepshow schreibe ich gedichte über diesen blick auf die existentielle nacktheit und in der ichag verkaufe ich recycelte texte über brennesseln und die trauer der welt und vergessen sie nicht, ich bin nackt, wenn ich arbeite, wie die toten in den steckkissen, die sind unter ihren leichenhemden auch nackt und sie auch, ich weiß es, arbeiten sie daran. man kann an allem arbeiten, an der arbeit, der nacktheit, der trauer, der liebe, vor allem der liebe, die braucht viel arbeit und mein teppich und meine küche und mein klo und mein gewissen, ach hören sie auf, an die arbeit!