Ausschnitte aus der Laudatio gehalten am 19.6. 2009 in Wolfenbüttel von Steffen Jakobs
Eva Christina Zeller hat Martin Kippenbergers Zitat ebenfalls wörtlich genommen, und zwar,
wenn ich sie recht verstehe, in dem Sinn, den auch ich ihm vorhin unterstellt habe: als
Kommentar zur künstlerischen Arbeit. In einer trocken witzigen Kurzgeschichte stellt sie uns
eine ungewöhnliche Heldin vor – und ein ungewöhnliches Verhältnis zwischen Leben und
Kunst:
was ist arbeit? es ist als frage man dich, was ist leben, das atmen ist doch schon arbeit und
wenn man es bedenkt, dann ist ein gedicht darüber zu schreiben weniger arbeit, als dieses
leben zu leben, was doch viel arbeit ist, weil man ihm nicht entkommt
Die Protagonistin der Geschichte hat einen ungewöhnlichen Berufsweg hinter sich. Als
zwölfjähriges Fleuropmädchen radelte sie mit Blumenkränzen um den Hals in die örtliche
Leichenhalle. Später zog sie dann in einer Peep-Show die Blicke auf sich, war Aktmodell,
Liebesbriefschreiberin und noch einiges mehr. Wir merken schon: Nacktheit, Tod und Kunst
sind hier eng miteinander verbunden. Ob diese Art von Arbeit der Klärung dient?
Tatsächlich scheint die Notwendigkeit des Broterwerbs der namenlosen Frau eher im Weg zu
stehen, als zur ihrer Selbstklärung beizutragen. Eigentlich möchte sie nichts als schreiben,
aber das Leben wirft ihr immer wieder Stöcke zwischen die Beine. Dass sie sich schließlich
mit dem Schreiben von Second-Hand-Gedichten zufriedengibt, weil ihr die Jobagentur dies
nahelegt, glauben wir ihr dennoch nicht. Schließlich verdanken wir ihr so denkwürdige Sätze
wie diesen:
die betreiber der peepshow sagten mir, dass ich kein notizbuch und keinen stift in die kabine
mitnehmen dürfe, das sei nicht sexy, gedichte schreiben sei nicht sexy und dann saß ich bald
wieder an der frischen luft.
Womit sich wieder einmal zeigt, dass Literatur am besten für sich selbst spricht. Die Arbeiten
unserer drei Preisträger hingegen zeigen, das Kunst fast alles kann: Sie kann Fragen stellen,
sie kann Antworten geben, und sie muss sich keineswegs dem Leben entziehen, um zu sich
selbst zu kommen. Mehr Erkenntnis, mehr Klarheit kann kein Mensch von einer
Akademiepreisfrage verlangen. Und damit wäre auch meine Arbeit getan. Ich wünsche Ihnen
allen noch einen schönen Abend und frohes Weiterfeiern – bis alles geklärt ist.
© Steffen Jacobs